Verwendung von „anonymen Daten“ durch TK-Anbieter für Werbezwecke

In den letzten Tagen ist mehrfach über die Pläne des US-amerikanischen TK- und Mobilfunkanbieters Verizon berichtet worden, seine Kunden demnächst nicht nur bei der Nutzung des Mobilfunkzugangs, sondern auch bei der Nutzung von WLANs und Desktop-Rechnern zu überwachen und diese Daten für Werbung zu nutzen – und mit Werbeanbietern zu teilen. Das ist schon für sich beängstigend – wenn auch fast schon normal. Interessant ist aber auch, sich die Idee und deren Hintergründe näher anzusehen.

Verizon berichtet selbst über diese Pläne:

We’re enhancing our Relevant Mobile Advertising program in a way that can help marketers reach you with messages that may be more interesting to you.

In addition to the customer information that’s currently part of the program, we will soon use an anonymous, unique identifier we create when you register on our websites. This identifier may allow an advertiser to use information they have about your visits to websites from your desktop computer to deliver marketing messages to mobile devices on our network.

The Verge konkretisiert die Datenerhebung und deren Folgen:

The program works by seeding tracking cookies whenever a customer logs into the MyVerizon site, a typical tactic to follow a given user from page to page. In Verizon’s case, that data is also combined with detailed data on each user’s physical movements, taken every time the phone pings back to a cell tower for a signal. The result is a much fuller portrait than tracking cookies alone could provide. The end result is a tailored ad, delivered direct to your phone, representing a lucrative new profit stream for carriers at large.

Schon die Ankündigung verrät mehr als genug über das Angebot: Verizon vergibt ein „eindeutiges Identikationszeichen“ (unique identifier) an jeden Nutzer. Das bedeutet natürlich, dass Verizon alle Aktivitäten des Kunden diesem auch zuordnen kann: Das ist das Gegenteil von „anonym“ – oder mit anderen Worten: Glatt gelogen!

Der „unique identifier“ wird voraussichtlich auch für die Werbeanbieter nicht anonym sein oder bleiben. Denn die Werbeanbieter sollen die Kunden ja kontaktieren können. Oder sie erfahren über einen längeren Zeitraum so viel über den Kunden, dass sie Verizon nicht mehr brauchen, um den Schleier zu lüften. Wie man es dreht und wendet, der Kunde ist nicht anonym (unabhängig von der Frage eines relativen oder absoluten Personenbezuges, dazu hier, hier und hier).

Interessant wird es, wenn deutsche Anbieter so etwas versuchen. Die Daten, die TK-Anbieter über ihre Kunden erheben, wecken ohnehin vielfältige Begehrlichkeiten. Der TK-Anbieter sitzt sozusagen an der Quelle der vollständigen Online- (und bei Mobilfunk durch den Standort auch Offline-)Aktivitäten seiner Nutzer. Wertvolle Datenbestände können so aufgehäuft und gewinnbringend genutzt werden. So nutzt Telefónica/O2 bereits Standortdaten in Großbritannien. Pläne, diese auch in Deutschland zu Werbezwecken zu nutzen (s. auch hier), sind nach großem Aufschrei zurückgezogen worden.

Jedenfalls in Deutschland sollten TK-Anbieter von solchen Plänen von vornherein Abstand nehmen. Denn Telekommunikationsdaten (also alle Umstände der Telekommunikation) unterliegen einem strengen, durch das Fernmeldegeheimnis in Art. 10 GG und § 88 TKG abgesicherten, Schutzniveau, das seine Grundlage in §§ 91 ff. TKG findet. Ohne konkrete (informierte und freiwillige) Einwilligung des Kunden geht da wenig in Richtung einer Nutzung von Daten für Werbung. Auch die für TK-Anbieter relativ weitreichenden Ausnahmeregelungen z.B. für die Erkennung und Beseitigung von Störungen etc. nach §§ 100 ff. TKG unterliegen allesamt einer strengen Zweckbindung.

Dabei findet der TK-Datenschutz allerdings – genauso wie der „normale“ Datenschutz nach dem BDSG – keine Anwendung auf anonyme Daten. Das ist – neben der Augenwischerei, um die Kunden zu beschwichtigen – auch der Grund, warum TK-Anbieter immer wieder von „anonymen Daten“ oder „anonymisierten Daten“ reden. Wer sich aber dann mit dem jeweiligen Modell näher beschäftigt, wird in 99,99% der Fälle nur zu dem Ergebnis kommen können, dass es sich lediglich um eine Pseudonymisierung handelt.

Der „Vorteil“ für die Kunden ist übrigens, dass er endlich auf ihn zugeschnittene Werbung bekommt. Dazu Robert L. Mitchell von Computerworld:

What’s in it for you? Ads. You receive ads that are potentially more relevant to your interests instead of the normal ones you’d see.

What’s in it for Verizon Wireless? Money. It receives a premium for helping to deliver ads to a more targeted segment of its subscriber base who presumably are more likely to buy.

Money talks. If I’m going to allow the sharing of my personal information by Verizon Wireless — and I consider my browsing history to be very personal — I’d like something more than just seeing targeted ads in return. How about an offer to waive airtime or data overcharges for one month of my choice every six months? Or how about 700 free airtime minutes? Or an extra 2GB per month on my data plan?

Großzügigerweise sieht Verizon übrigens die Möglichkeit zum Opt-Out aus der Überwachung und Weitergabe von Daten vor, entweder über die Homepage oder per Telefon:

Yes, you can notify us that you do not want us to use your information for Relevant Mobile Advertising by visiting www.vzw.com/myprivacy or by calling (866) 211-0874.

Note: if you have a multi-line account, you must indicate your privacy choices with respect to each individual line.

In addition, if you would like to prevent third party advertising entities from using information they have about your web browsing across sites unrelated to Verizon, including the use of this information in the Relevant Mobile Advertising program, you can opt-out at www.aboutads.info.

@LossOfPrivacy gibt diesbezüglich den richtigen Tipp:

The best way to opt-out remains with your wallet.

Daher gilt:

  • Für TK-Anbieter: Hände weg von solchen Modellen.
  • Für Kunden: Hände weg von TK-Anbietern, die solche Modelle verfolgen.

Bild: Mike MozartCC BY 2.0

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